Unterwegs im Ruhrgebiet um ein weiteres Detail zu erwähnen, das unter Eingeweihten längst keine Streitfrage mehr ist, sondern allenfalls zur Verwirrung der Menschen außer- halb Nordrhein-Westfalens beiträgt: Düsseldorf mag zwar stolz sein auf die längste Theke der Welt, zum „Pott“, wie das Ruhrgebiet auch genannt wird, gehört die Landeshauptstadt trotz ihrer weitgehend rechtsrheinischen Lage auf gar keinen Fall! Geh’se „auf Schalke“ oder „zu die Majas“? Ähnlich wie die sprichwörtliche Liebe der Ruhrpottbewohner zu Bockwurst und Bier ist auch die Anhängerschaft zu einem der angestammten Fußballclubs ein Erbe der Arbeiterkultur, das in den Familien tief verwurzelt ist und von Ge- neration zu Generation weitergegeben wird. Drei Traditionsvereine – Borussia Dortmund, Schalke 04 und der MSV Duisburg – waren nach Gründung der 1. Bundesliga im Jahr 1963 von Anfang an dabei, später sammelten auch der VfL Bochum, die SG Wattenscheid, Rot-Weiss Essen und Rot-Weiss Ober- hausen Erstligaerfahrung. Langfristig etablierte sich dann außer der Borussia aus Dortmund – deren Spieler wegen ihrer an die Biene Maja erinnernden schwarz-gelb gestreiften Trikots von gegnerischen Fans als „Majas“ ver- spottet werden – keine der genannten Mannschaften dauerhaft im Oberhaus der Bundesliga. Das tut der Fanliebe al- lerdings keinen Abbruch – auch in den kleineren Ruhrpottclubs stärken ein- gefleischte Anhänger ihren Teams den Rücken und zelebrieren perfekt durch- getaktete Fanchoreographien im Stadi- onrund. Ohnehin sind die Stadien im Ruhrpott etwas Besonderes: Dortmund besitzt die größte Stehtribüne Europas, auf der die Anhängerinnen und An- hänger des Clubs bei Heimspielen die 25.000 Mann starke sogenannte „gelbe Wand“ bilden. Die Gelsenkirchener wiederum können in Sachen Stadi- onbau durchaus mithalten: Die 2001 eröffnete „Arena AufSchalke“ gilt als eines der modernsten Stadien Europas, u.a. weil sich ihr gesamtes Spielfeld „quasi zum Rasenlüften“ auf Rollen nach außen fahren lässt, und auch das Stadiondach kann wie ein Cabriodach automatisch geöffnet und geschlossen werden. Kunst, Theater und Musik blühen dort, wo einst die Kessel rauchten Die Zahl der Museen, Galerien, The- ater- und Musikbühnen usw., die im Ruhrgebiet in zumeist aufwendig sa- nierten einstigen Industriebauten zu Hause sind und dort die Fahne von Kunst und Kultur hochhalten, ist enorm. Ob „Brandt’s Zwieback Museum“ in Hagen, die Eventlocation „Gasometer Oberhausen“, das „Kunstmuseum Mül- heim an der Ruhr“ oder das internati- onale Theater und Künstlerhaus „PACT Zollverein“ in Essen, um nur ein paar Beispiele zu nennen – sie alle sind für die Region typische Einrichtungen mit kulturhistorischem Hintergrund. Andere, vor allem kleinere Museen erinnern unmittelbar an den Alltag der Ruhrpottbewohner, darunter das Heimatmuseum „Unser Fritz“ in Her- ne, das herrliche Einrichtungen im Stil Ob Konzerte in alten Ze- chen“, heißt es auf der Netzseite des Regional- verbands Ruhr, „chillen am Förderturm oder auf dem Rad über alte Bahntrassen durchs Ruhrgebiet: Bei uns gibt es an jeder Ecke etwas zu entdecken. Kein Wunder, bei 53 Städten und mehr als fünf Millionen Menschen.“ Auch wenn mit dieser Be- schreibung vermutlich eine eher jün- gere Zielgruppe angesprochen werden soll, ist die Charakterisierung des Land- strichs, der auch als „die grüne Indust- rieregion“ bezeichnet wird, doch sehr treffend. Denn diese Ecke im Nord- westen Deutschlands, die wie keine andere von Bergbau und Schwerindus- trie geprägt wurde, hat seit der Schlie- ßung der Kohlegruben – die ersten Zechen machten bereits in den späten 1970er-Jahren dicht, die letzten beiden 2015 und 2018 – einen faszinieren- den Wandel durchgemacht: Wo einst rußgeschwärzte Öde herrschte, blüht und grünt es heute allerorten, und wo Zechentürme und Schornsteine in den Himmel ragten, entstanden lebendige Freizeitinseln und eine quirlige Kunst- und Kulturszene. Der Mittelpunkt der „Metropole Ruhr“ liegt im Herner Stadtteil Röhlinghausen Die Zugehörigkeit zum Ruhrgebiet wird weniger durch die Geographie bestimmt, sondern eher durch die Ge- schichte, genauer gesagt, durch die Teilnahme der Städte und Gemeinden an der Industrialisierung im frühen 19. Jahrhundert, als zwischen den Flüs- sen Emscher, Ruhr und Niederrhein nach und nach der größte Ballungsraum Deutschlands entstand. Die Großstädte Dortmund, Duisburg, Essen, Gelsen- kirchen und Bochum werden daher ebenso zum Ruhrgebiet gerechnet wie kleinere Städte, darunter Bottrop, Ha- gen, Hamm oder Mülheim an der Ruhr. Mancherorts verschwimmen in der Metropolregion wegen der ausufern- den Vororte die Ortsgrenzen, sodass es Auswärtigen doppelt schwerfällt, zwi- schen den einzelnen Kommunen zu unterscheiden. Das Zentrum des Ruhr- gebiets – so hat es der Regionalverband Ruhr im Jahr 2012 jedenfalls errechnet – liegt im Stadtgebiet von Herne, ge- nauer gesagt, auf Höhe der Rolandstra- ße 49 im Ortsteil Röhlinghausen. Und 1. Gasometer Oberhausen Foto: OLFF APPOLD www.olffappold.com 25